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Autor Thema: Geschichten aus Gareth  (Gelesen 306 mal)
bAbC
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** Genie ohne Talent **


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« am: 03.07.2002, 14:48:19 »

Hallo, ihr Lieben!

Im "Just-for-fun"-Strang habe ich schonmal eine kurze Geschichte über einen Morgen in Gareth gepostet. Da ich sicher nicht die Einzige bin, die gerne schreibt, habe ich mir gedacht, wir könnten doch einen Sonderstrang aufmachen, in dem nur solche Geschichten um Gareth und seine Bewohner stehen.

Ich mache einfach mal den Anfang :-)
Liebe Grüsse
Babsi aka bAbC




Nacht in Gareth

Nach einem zweistündigen Tichu taumele ich aus der Bretzelstube hinaus in die dunklen Straßen von Gareth. Mein Bett ist nicht weit, ein kurzer Fußweg von 10 Minuten wird mich heimbringen. Aber ich habe es nicht eilig. Wir haben Vollmond und am schwarzen Himmel wird die fast gelbe Scheibe nur von ein paar bläulich schimmernden Wolkenfetzen umspielt. In Gareth ist immer Vollmond, jede Nacht. Aber das wissen nur die, die nachts die Straßen durchstreifen. Mondblume fühlt sich deshalb vielleicht in Gareth so wohl. Und Lupus. Oha, ich habe Lupus vergessen. Tagsüber ist er ja ein netter Kerl, aber nachts sollte man besser nicht vom Weg abkommen...

Da merke ich auch schon, dass ich mit beiden Füßen nicht mehr auf der gepflasterten Straße sondern mitten auf der Wiese stehe. Höre ich da ein leises Knurren oder ist das nur das leise Schnarchen eines Garethis, das zu mir durchs offene Fenster dringt? Ich wende mich zurück und gehe auf der sicheren Straße weiter in Richtung See. Der See glitzert im Mondlicht wie ein kitschiges Paillettenkleid aus den 30er Jahren. Als ich am Ufer entlang schlendere, plätschert es leise. Ein Frosch, den ich aufgescheucht habe? Nichts, was mich beunruhigt. Gareth ist der sicherste Ort der Welt, wenn man bei Vollmond auf dem Weg bleibt.

In der Ferne dringen Stimmen an mein Ohr. Lachen und Gute-Nacht-Rufe dringen zu mir, ehe ich die Gestalten erkenne, die aus einem der Spielhäuser in die Nacht treten. Vier Leute sind es, sie stehen noch kurz beieinander und tauschen ein paar Sätze aus. Dann winken sie sich zu, und zwei von Ihnen zerspringen in Millionen funkelnder Partikel, die das Mondlicht reflektieren und auf den Boden rieseln, als hätte jemand einen mit Silberstaub gefüllten Ballon platzen lassen. Ich habe gerne Fremde in der Stadt: sie sehen so hübsch aus, wenn sie gehen..

Die beiden anderen kann ich auf diese Distanz nicht erkennen, aber sie wenden sich nach Norden und sind bald um eine Häuserecke verschwunden. Ruhe kehrt wieder ein als ich über den kleinen Platz zu unserem Haus gehe. Aus alter Gewohnheit heraus taste ich nach dem Haustürschlüssel und muß lächeln, als ich meinen Irrtum erkenne: in Gareth braucht man keinen Schlüssel.
Aber es ist Zeit, ins Bett zu gehen, denn morgen früh muß ich Gareth wieder verlassen und eintauchen in die Arbeiten-um-Geld-zu-verdienen-Welt. Ach, wie schön wäre es, wenn man überall sein Essen, seine Kleidung, sein Häuschen und alles Nützliche dadurch bezahlen könnte, in dem man spielt, spielt, spielt..

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bAbC
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« Antworten #1 am: 09.07.2002, 23:29:34 »

Die Halle der Seelenlichter

Schon oft war ich an der kleinen Kapelle vorbeigegangen, die in Gareth am Rande des Sees stand. Kapellen und Kirchen mochte ich wohl, wenn sie hübsch erbaut und mit allerlei Zierrat versehen waren. Diese jedoch war grau und schmucklos und bildete in meinen Augen einen tristen Fleck im sonst so fröhlichen und bunten Gareth. Auch hatte ich nie einen der anderen Einwohner hinein- oder hinausgehen sehen.

Bei Nacht wirkte sie noch düsterer, doch jetzt, bei hellem Sonnenlicht war sie einfach nur ein schlichtes graues Bauwerk, dem man im Vorbeigehen einen flüchtigen Blick zuwirft. Bei diesem flüchtigen Blick blieb es jedoch heute nicht, als ich die Inschrift über dem Eingang erspähte. Hatte da schon immer „Halle der Seelenlichter“ gestanden? Ein seltsamer Name für ein christliches Bauwerk. Warum war der Kapelle dieser Name gegeben worden?

Ich hatte gerade nichts Besseres vor, also näherte ich mich der hölzernen Eingangspforte und drückte die schwere eiserne Klinke herunter. Mit leichtem Druck ließ sich die Tür öffnen und ich trat ein. Drinnen war es angenehm kühl im Vergleich zur drückenden Schwüle des Sommernachmittags. In der Mitte der Kapelle war ein Gang mit einem dunklen roten Teppich ausgelegt, der meine Schritte verschluckte, als ich mich dem Altar näherte. Links und rechts von mir standen einfach gezimmerte Holzbänke, die Wände aus roh behauenem Stein zierte kein Heiligenbild. Fenster waren links und rechts eingelassen, doch drang kein Sonnenstrahl hindurch.

Am Ende des Ganges stand ein Altar aus grünem Marmor. Eigentlich war es kein richtiger Altar, mehr ein kniehoher Sockel, der von zwei Kandelabern flanktiert war und über dem ein großes hölzernes Kreuz an der Wand hing. Die Kerzen in den Ständern brannten ruhig und ohne Bewegung. Neugierig ging ich weiter. Da sah ich, dass auf dem niedrigen Sockel viele elfenbeinfarbene Steine aufgehäuft waren. Sie trugen seltsame Bilder, Schriftzeichen und Muster. Kreise und Stäbe und Hieroglyphen in schwarz und rot. Bei näherem Betrachten der Schriftzeichen fiel mir auf, dass sie der chinesischen Schrift nicht unähnlich waren.

Während ich die Steine und ihre Anordnung anschaute, passierte etwas sehr Seltsames. Zunächst wurde es sehr kalt in der Halle der Seelenlichter. Dann bemerkte ich, dass ich mich nicht mehr richtig bewegen konnte. Eine Art Starre hatte von mir Besitz ergriffen und ohne, dass ich genau wußte, was ich tat, kniete ich vor dem Altar nieder und berührte einen der Steine mit dem Finger. Augenblicklich verfärbte er sich und wurde dunkler. Ich wollte den Stein aufheben um das Phänomen näher zu betrachten, doch er ließ sich nicht bewegen, obwohl er klein und sicherlich nur ein paar Gramm wiegen mochte. Ich berührte ihn abermals und wieder wurde er dunkler. Mein Finger tippte auf einen anderen Stein, doch nichts geschah. Außer, dass der erste Stein wieder hell wurde. Seltsam.

Ein Spiel aus Kindertagen kam mir in den Sinn: Memory. War das hier eine Art Memory? Ich tippte den ersten Stein an und suchte nach einem zweiten, gleichen Stein. Da war einer, oben rechts am Ende der Reihe. Sobald mein Zeigefinger diesen zweiten Stein berührt hatte, verschwanden alle beide, als hätte es sie nie gegeben. Ich erschrak zunächst, doch die unbekannte Macht, die mich beherrschte, ließ mich schnell mit diesem Spiel fortfahren. Immer schneller flogen meine Augen über die Steine, suchten nach zwei passenden, die zumindest an einer Seite nicht von anderen begrenzt waren und das Häuflein wurde immer kleiner. Dann wurde es aber auch schwieriger, die Pärchen zu finden und zuletzt starrte ich minutenlang auf die Zahlen und Zeichen und war der Verzweiflung nah.

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bAbC
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« Antworten #2 am: 09.07.2002, 23:30:39 »

Fortsetzung: Die Halle der Seelenlichter

Mit einem Mal flüsterte etwas in meinem Nacken. Eine leise, heisere Stimme ohne Klang oder Farbe. Sie sagte: „Shizu wird gewinnen.“ Erschrocken drehte ich mich um  und starrte in die Kapelle, doch es war niemand zu sehen. Meine Nackenhaare stellten sich auf und meine Arme waren mit einer Gänsehaut überzogen. Hatte ich mir das gerade nur einebildet? Es war sehr kalt hier drin. Wie von Fäden gezogen wandte ich mich wieder den Steinen zu. Die Hälfte hatte ich schon verschwinden lassen, doch nun kam ich nicht weiter. Während ich versuchte, systematisch alle Möglichkeiten zu erspähen, wurde ich immer nervöser. Wer hatte da zu mir gesprochen? Shizu? Oder jemand anderer? Und warum konnte ich niemanden sehen? Und warum konnte ich nicht einfach aufstehen und nach draußen ins warme Sonnenlicht gehen?

Während ich grübelnd vor mich hinstarrte, entdeckte ich ein Steinpaar und berührte sie mit der Fingerspitze. Sie verschwanden und darunter kam ein Stein zum Vorschein, den ich schon lange suchte. Jetzt ging es wieder besser und ich wurde aufgeregt. Ob es mir gelingen würde, alle Steine fort zu transportieren?
Da flüsterte die Stimme wieder: „Du kannst Shizu nicht besiegen.“ Jetzt kam Trotz in mir zum Vorschein und ich zischte zwischen den Zähnen hindurch: „Das wollen wir doch sehen!“ Angst im Herzen, aber mit zornigem Ehrgeiz beseelt, wandte ich mich dem Altar zu. Nach wenigen weiteren Berührungen entdeckte ich, dass ich nicht fertig werden konnte. Eines der Pärchen lag übereinander, somit war diese Aufgabe nicht lösbar.

Ich fuhr fort, die Steine so weit als möglich abzuräumen, als mich eine warnende Stimme innehalten lies. Was, wenn es Konsequenzen hatte, die Steine nicht ganz abzuräumen? Vielleicht geschah dann etwas Schlimmes, Unabwendbares? Worauf hatte ich mich mit dem Beginn dieses Spieles eingelassen? Ich zögerte. Noch drei Paare lagen zum Abräumen frei, das Vierte war das vertrackte übereinanderliegende Pärchen.
Noch während sich meine Gedanken darum drehten, ob ich weitermachen sollte oder nicht, sagte die Stimme hinter mir „Shizu wartet...“ und ich schwöre, ich spürte einen kalten Hauch im Nacken.

Ich verwünschte die Stunde, in der ich die Halle der Seelenlichter betreten hatte. Ich wollte nur noch hier raus, in Sicherheit gelangen, zum unserem Haus laufen und, den Sonnenschein in den Augen spürend, wissen, dass mir nichts zustoßen würde. So ein verfluchtes Spiel! Wie konnte nur jemand so verantwortungslos sein, es hier zu platzieren und die Tür zur Kapelle nicht mit einem großen Warnschild zu vernageln?

Mit einem Mal wurde die Tür aufgestoßen und eine Stimme krähte fröhlich in die Dunkelheit: „Ach, hier steckst du! Wir brauchen noch einen Mitspieler, kommst du?“ Die Starre fiel von mir ab und ich wandte mich um. Dort stand Malli in der Tür und grinste mich an und ich war nie zuvor so froh gewesen, einen Menschen zu sehen. Ich warf einen letzten Blick auf die Steine und entgegnete ihr: „Klar, ich komme...“ Ich trottete benommen über den roten Teppich zur Tür, von draußen fiel wärmendes gelbes Sonnenlicht in die Halle der Seelenlichter. Ehe ich die Tür hinter mir schloß, wandte ich mich um und starrte forschend in die Dunkelheit. Nichts war zu sehen. Doch ich hörte aus der Tiefe der Kapelle ein leises Kichern: „Shizu wartet...“.

*Ende*
« Letzte Änderung: 13.07.2002, 14:01:54 von bAbC » Gespeichert

Rzähler
Gast
« Antworten #3 am: 13.07.2002, 03:32:40 »

Es ist ein sonniger Spätnachmittag...die Blumen blühen, das Gras sprießt, die Vögel zwitschern, das Plätschern kristallklarer Bächlein ist zu vernehmen, Muttern Natur zeigt sich in farbenprächtigstem Gewande.... (kitschkitschhurra!)   Ja, hier ist die Welt noch in Ordnung, hier ist Gareth! Mich hat es wieder einmal in dieses beschauliche Städtchen verschlagen, an diesen Freude spendenden Ort, fernab der Probleme und Sorgen der armfeldlichen Großstadt.
Ich stehe auf dem Marktplatz. Etwas verloren und orientierungslos komme ich mir vor.
Keine Menschenseele weit und breit. Aber was ist das?? Ein quitschgelbes Etwas mit blauen Blümchenapplikationen rollt dynamisch hinter dem Brunnen hervor, stoppt abrupt vor meinen Füßen  und stellt sich mir als Spielball vor! Leicht irritiert beäuge ich die pralle Gummikugel, die mir gerade mal bis an die Kniescheibe reicht und mich darüber in Kenntnis setzt, es habe sich eine Zahl ausgedacht! "Klasse und was hab ich damit zu tun?" schießt es mir durch den Kopf, aber da ergänzt mein unerwarteter Gesprächspartner: "Willst Du mal raten?"
"Was glaubst Du denn? Rat doch selbst!" denke ich. Einzig meine gute Erziehung hält mich davon ab, ihm eine frechen Antwort vor seinen Gummilatz zu knallen und lasse mich auf den Ratequatsch ein:"7?" tippe ich, das Desinteresse und  die Lustlosigkeit schlecht kaschierend. "Deine Zahl ist falsch" freut sich mein lausiger Quizmaster, während ich noch grübele, warum das Ding sprechen kann und ich überhaupt bereit bin, mich mit Bällen auf eine Nonsense-Konversation einzulassen.
"5?" forsche ich nach. "Deine Zahl ist falsch", beharrt Spielball. "Es ist weder die 2, noch die 7"erklärt er mir mit proffessorhaft daherkommend und ich hab das Gefühl wie ein dummer Schuljunge dazustehen. "Das mit der 7 war mir klar, Superhirn! Brauchst nicht alles 2x sagen!" entgegnet stumm meine innere Stimme. Zugegeben, so langsam packt mich die Ratewut, ich will es diesem gnomgroßen Klugscheißer zeigen! "Es ist die 9" pokere ich, in der Hoffnung, von hellsichtiger Muse geküsst worden zu sein. "Deine Zahl ist falsch" giggelt es von unten herauf. "Es ist weder die 5 noch die...." 2DANN EBEN 4,8,3,6 oder 1!!!!"gifte ich ihn langsam cholerisch werdend an! "Richtig, willst du noch mal raten?" lobt mich Spielball kurzsilbig. Ich hab die Nase voll, bin es leid, für dieses armselige Quiz herzuhalten und säusele lieblich, dass wir 2 Hübschen jetzt wohl getrennte Wege einschlagen werden und er sich somit das mit dem Zahlenknobeln abschminken kann. "Deine Zahl ist falsch" kräht Spielball unbeeindruckt. Mit letzter Geduld erläutere ich Mister Wortgewandt, dass es sich um ein Missverständnis handelt, ich gar keine Zahl zu nennen ged8e. "Deine Zahl ist falsch! Es ist nicht die 4, die 2 und auch nicht die 8!" tyrannisiert mich Spielball, der jetzt in freudiger Erregung ob meiner vermeintlichen Rateinkompetenz auf und ab zu hüpfen beginnt!
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Rzähler
Gast
« Antworten #4 am: 13.07.2002, 03:36:22 »

"Ich hab nichts persönlich gegen Dich, Kleiner!"heuchele ich, "aber wenn Du mich weiter stresst, werde ich Dich wohl über die Stadtgrenze kicken müssen!" versuche ich mir mit dieser kühnen Drohung Respekt zu verschaffen. "Kicken kannste erst ab Burggraf!" schallt es aus der Ferne herüber. MIR REICHTS!!! Braucht man jetzt in dieser Stadt etwa für die Ausübung körperlicher Aggressionen einen bestimmten gesellschaftlichen Rank? Sollte die Anwendung roher Gewalt etwa dem Adel vorbehalten sein??? "Das wollen wir doch mal sehen!" murmele ich vor mich hin und gehe in Schußposition. Doch just in diesem Moment trifft mich ein Gedanke wie ein Blitz, hält mich jäh von meinem Vorhaben ab. "Was ist, wenn.......?" konstruiere ich, mein Denkzentrum auf Touren bringend. Im Geiste sehe ich mich von einer überdimensionalen, haushohen Spielballmama mit Beschützerinstinkt flunderflach auf dem Pflasterstein überrollt, das kleine Nervensägenexemplar hämisch um mich springend und Pirouetten drehend. Während ich noch meine Angriffsgelüste und evtl. Folgen dieser abwäge, beginnen meine Arme und Beine durch eine Übersprungshandlung unkontrolliert zu zucken. Es kann doch nicht angehen, dass mich ein hartnäckiger Ball mit dem Sprachschatz eines 4jährigen und dem wahrscheinlichen IQ eines gerösteten Knäckebrots derart aus der Fassung bringt!!! Aller Logik zum Trotz macht sich mein Körper selbstständig. Ich drehe mich auf dem Absatz um und starte einen Fluchtversuch. Keuchend bete ich inständig, dass mich niemand dabei beobachtet, wie ich vor einem bunten Bällchen davonrenne, das mir dicht auf den Fersen hinterherhopst! HILFE! Ja, ich brauche welche! Langfristig wohl von einem Psychiater, aber für den Moment ist das, was ich suche ein Unterschlupf, ein Versteck, besser noch eine uneinnehmbare Festung oder Burg....."NEIN, Du kriegst mich nicht, von mir erfährst Du keine 1ige Zahl mehr!" Schreie ich japsend, den Kopf zu meinem Verfolger herumdrehend.
"Deine Zahl ist falsch! Es ist nicht die 3 und auch nicht die 1!" werde ich belehrt. Ich erhöhe das Tempo noch einmal. Gleich bin ich am Ende, kann einfach nicht mehr! Ich spurte gen Marktplatz. DA SEHE ICH SIE - meine Zufluchtsstätte: DIE KIRCHE DER SEELENLICHTER!!! Ich reiße die Tür auf, stürme hinein, schlag sie zu und schmeiß mich von hinten gegen sie. Wie ein Insekt klatscht Mister Formvollendet an der schweren Eichentür ab. "Ein angedetschter Ellipsoid wollte mich ins Kreuzverhör nehmen!" höre ich mich meinen Freunden erzählen. "Bin ich paranoid? -  Keinesfalls, dieser Derwisch vor der Kirchentür ist der Psychopath und ich bin nur das Opfer, das zur falschen Zeit am falschen Ort war, ja, genauso ist es!" rede ich vergeblich ein, um mich zu beruhigen. Mittlerweile hat Spielball das Gegen-die-Tür-hopsen aufgegeben und sich darauf verlegt, vor dem großen Fenster der Absis auf und ab zu springen. "Ich habe mir eine Zahl ausgedacht! Willst Du mal raten?" tönt es dumpf durch die dicken Mauern zu mir herein. – Ich bin traumatisiert, sacke völlig erschöpft an der Tür zusammen..........vor meinen Augen beginnt alles zu verschwimmen.
Es ist Abend geworden, das Licht hunderter Kerzen auf dem Alter wirft seltsame Lichtkegel und bizarre Schattenbilder an die Decke und Wände. Wie lange mag ich hier schon kauern? Allen Mut zusammennehmend öffne ich die Tür einen Spalt breit und linse ins Dunkel! Links vom Eingang liegt Spielball, dessen Außenhülle sich ruhig und gleichmäßig  ausdehnt und wieder zusammenzieht. Wie er so - schlafend???- daliegt, wirkt er auf mich nicht mehr wie eine nervtötende Quizbestie von heute Nachmittag, eher wie ein kleines friedliches Kind! Ich streiche Spielball sanft über die Gummihaut. Ein leises Quietschen wird hörbar. Ich könnte schwören, es kommt aus seinem Inneren, aber wahrscheinlich ist es doch nur das Geräusch, das meine schwitzigen Finger auf seinerr Oberfläche hervorrufen...
Die Nacht rückt näher. Ich muß mich auf den Weg machen, um den großen Midgardhain durchquert zu haben noch bevor die Dunkelheit hereinbricht. Geleitet vom fahlen Schein der blassen Mondsichel schlage ich die Richtung gen Armfeld ein. Ich durchquere ein Kornfeld,  das der Wind flüsternd durchweht. Immer mehr Häuser wandern aus meinem Blickfeld. Schließlich verschwindet auch der Kirchturm der Stadt und ich bin wieder mit mir allein!
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bAbC
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« Antworten #5 am: 13.07.2002, 14:03:58 »

Der siebte Bürger

Neulich saß ich mit uvo und BretzelBub zusammen in der „Verschwörung von Gareth“, und spielte eine Partie Carcassonne mit den beiden. Da ich hoffnungslos abgeschlagen war und nichtmal mehr einen schnöden Bettelmönch besaß, den ich auf mein gerade gezogenes Kloster setzen konnte, ließ ich meine Augen durch die Hütte schweifen. Obwohl recht karg eingerichtet, war es doch ein gemütlicher Raum, eher einer Finnensauna als einer Holzhütte ähnlich. Die Bücher im Regal waren Attrappen, das hatte ich schon bei meinem ersten Besuch entdeckt. Ich hatte eines in die Hand genommen und festgestellt, dass jemand fein säuberlich eine Aushöhlung in die Seiten geschnitten hatte, um etwas darin zu verbergen. Der verborgene Gegenstand war aber schon lange nicht mehr da, was nicht verwunderlich war, denn die Aushöhlung hatte die Form eines Flachmanns.

Ein „Du bist dran“ schreckte mich in meinen Gedanken auf und ich zog ein Plättchen. Eine Kurve. War ja klar. Carcassonne-Regel Nr. 1: Die guten Plättchen kriegen immer die anderen. Ich verlängerte meine Straße um ein weiteres Stück, wohl wissend, dass ich sie nie würde vollenden können. Nur noch 5 Plättchen, dann war das Spiel vorbei.  Das Rennen würde wohl zwischen uvo und BretzelBub entschieden werden.

Mein Blick wanderte zum hundertsten Mal zu dem Konterfei des Mannes an der Wand. Ich hatte mich schon oft gefragt, wer das sei, doch immer, wenn ich hier gespielt hatte, waren es Nicht-Garethis gewesen, von denen keine Antwort zu erhoffen war. Jetzt war die Gelegenheit!
„Wer ist eigentlich der Typ auf dem Bild an der Wand“ fragte ich. Die Reaktionen waren verblüffend: uvo ließ sein Plättchen fallen und BretzelBub, der gerade an seiner Cola genippt hatte, verschluckte sich, und hustete kläglich, bis ihn die heftigen Rückenschläge uvos  davon überzeugt hatten, dass es klüger sei, zu ersticken als totgeschlagen zu werden.

Nachdem die beiden sich wieder berappelt hatten, schaute ich sie fragend an, ein unausgesprochenes „Nun?“ in den Augen.
Uvo fing sich als erster und sagte: „Das ist... äh..“, wandte sich dann hilfesuchend an BretzelBub, der mit einem „äh...“ stammelnd den Dialog übernahm und mit einem kühnen „Keine Ahnung“ vollendete.
„Ach.“ entgegnete ich, die rechte Augenbraue hebend.
Beide starrten angestrengt auf die ausgelegten Plättchen, und nach dem BretzelBub versehentlich uvos Stadt zugemacht hatte, und uvo dies nicht bemerkte, lehnte ich mich zurück und lächelte die beiden an.

„Jungs, ich gebe euch jetzt mal einen Tipp. Es ist ganz offensichtlich, dass ihr A) genau wisst, wer dieser bebrillte Mensch dort auf dem Bild ist, und B) nicht wollte, dass ich es erfahre.“
Beide taten verdutzt und wollten schon zu einer entrüsteten Verteidigung ihrer Unschuld anheben, aber ich fuhr erbarmungslos fort:
„Darum.. wenn euch das nächste Mal jemand fragt, wer das da auf dem Bild ist, dann sagt ihr einfach, es sei ARMistice.“
„Wer?“, fragte uvo.
„ARMistice, Mensch. Der Schöpfer!“, rüffelte BretzelBub ihn an.
„Ach sooooo, ja klar.. ARMstice!“ fiel der Groschen bei uvo. Dann grinste er BretzelBub an und meinte:
„Na, das ist er doch auch, oder? Mir war nur eben der Name entfallen.“
„Genau“, grinste mich BretzelBub nun an „das ist ARMistice. Haben wir das nicht gesagt?“
Ich holte tief Luft. Ein Spruch von Clint Eastwood kam mir in den Sinn („Piss mir nicht den Rücken runter und sag zu mir: es regnet.), aber weil ich eine Dame bin, lächelte ich nur grazil und schluckte die Entgegnung runter.
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« Letzte Änderung: 13.07.2002, 14:04:52 von bAbC » Gespeichert

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« Antworten #6 am: 13.07.2002, 14:06:14 »

Fortsetzung "Der siebte Bürger"

Nachdem das Spiel beendet war und wir den Sieger (uvo) gebührend begratst  hatten, stand ich auf, um zu begutachten, ob die Toilette der Hütte auch nur eine Attrappe oder tatsächlich benutzbar war. Sie war keine Attrappe und bemerkenswert sauber und adrett ausgestattet, was mich einmal mehr auf die Frage brachte, wer hier in Gareth eigentlich dafür sorgte, dass die Häuser und Straßen immer so blitzblank geputzt und gefegt waren. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden. Ehe ich in die Stube zurückging, blieb ich hinter der Tür stehen und lauschte. Ich konnte die beiden tuscheln hören, verstand aber kein Wort. Leise drückte ich die Klinke herunter und schlich auf Zehenspitzen auf den Gang hinaus, der direkt an die Stube anschloss.

„.. es ihr sagen..“ „.. noch so neu...“ „.. Bürgerin.. Recht..“ „.. Geheimnis..“ waren ein paar der Wortfetzen, die ich verstehen konnte. Ich schlich zurück zur Toilettentür, öffnete sie leise, schloss sie geräuschvoll und trampelte hörbar durch den Gang in die Stube zurück.
Die beiden sahen mich an und ich grinste zurück und setzte mich an den Tisch.
„Noch eins?“, fragte ich, doch die beiden schüttelten den Kopf.
„Los, BretzelBub, jetzt erzähl es ihr schon“, drängelte uvo und stupste BretzelBub an der Schulter an.
„Genau, BretzelBub, erzähl der lieben Babsi von der Verschwörung in Gareth, sonst lass ich dich nie wieder beim Tichu gewinnen!“
Normalerweise hasse ich es ja, einen Menschen so unter Druck zu setzen, aber hier gewann die Neugier über den Anstand.
„Ok, na gut, dann sollst du es wissen... der da, auf dem Bild, das ist der siebte Bürger.“
Nun, da es ausgesprochen war, entspannten sich die beiden merklich. Ich schlug ein Bein übers andere, verschränkte die Arme und sagte aufmunternd:
„Na, dann erzähl´ mal...“
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« Antworten #7 am: 13.07.2002, 17:46:09 »

Fortsetzung "Der siebte Bürger"

BretzelBub stand auf, verschloss die Tür  und setzte sich wieder hin. Dann begann er.
„Wie gesagt, der Mann auf dem Bild ist der siebte Bürger von Gareth und sein Name ist Manfred.“ Er machte eine Kunstpause und ich wußte, dass er Zwischenfragen erwartete.
„Moment mal, der siebte Bürger ist Mondblume. Das steht in unserer Stadtchronik. Du willst doch nicht sagen, daß ihr die Stadtchronik gefälscht habt?“
„Nein, die hat sich selbst gefälscht“, entgegnete er.
„Ich bin ganz Ohr, erzähl einfach weiter.. „

„Es war in den Anfangstagen von Gareth. Wir hatten nur wenige Hütten erbaut, der See war gerade erst eingelassen worden und in der Halle der Seelenlichter war der rote Teppich verlegt worden. Ab und zu verirrten sich Bürger anderer Städte zu uns und auch ab und zu ein Stadtloser, aber wir waren viel zu sehr mit den Aufbauarbeiten beschäftigt, um intensiv nach Neubürgern zu suchen. Eine der Aufgaben bestand auch darin, möglichst viel zu spielen, um Baumaterial einzuheimsen und so hielten wir uns mehr in der Bretzelstube auf als sonstwo.
Eines Tages suchten Bertl, Mel und ich einen Vierten für Tichu und so lernten wir Manfred kennen. Er war schüchtern, aber höflich und kein schlechter Tichu-Spieler und als wir ihn fragten, ob er nicht Lust habe, Mitbürger von Gareth zu werden, willigte er ein. Wir waren damals nicht so wählerisch wie heute“, grinste BretzelBub und  fuhr fort.

„Manfred stellte sich leider recht schnell als schlechter Verlierer heraus, und sein Getue, wenn sein Tichu mal wieder im Bombenhagel gestorben war, ging uns schnell auf die Nerven. Wir ermahnten ihn, sich nicht so aufzuführen, doch Mel, die in den meisten Spielen seine Partnerin gewesen war, hatte bald keine Lust mehr, mit ihm zu spielen. Da tauchte eines Tages Zobel auf. Zobel war auch neu in der Welt und spielte klaglos mit Manfred zusammen. Ein sehr wortkarger Geselle, aber ein excellenter Tichuspieler.“

„Wurde er auch Bürger von Gareth?“, wollte ich wissen.
„Nein, wir haben ihn gefragt, aber er wollte stadtlos bleiben und wir haben das respektiert. Jedenfalls.. mit Zobel als Partner war Manfred unschlagbar. Bertl und ich hatten kaum eine Chance, gegen die beiden zu gewinnen. Wenn sie mal schlechte Karten hatten, und kein Tichu ansagten, hatten sie zumindest eine Bombe, um das Unsere zu zerstören. Es war wie verhext. Manfred blühte auf, als seine Gewinnsträhne anhielt und Zobel blieb schweigsam und ungesellig. Und dann, eines Tages, geschah etwas sehr Gruseliges...“ BretzelBub ließ den Satz kunstvoll ausklingen und ich, die ich Gruselgeschichten über alles liebe, wurde kribbelig und begann an den Nägeln zu knabbern.
„Was ist passiert?“, flüsterte ich.

BretzelBub holte tief Luft und erzählte weiter.  „Nun, wir hatten gerade getauscht, und Zobel spielte als erste Karte den Hund aus. Manfred sagte Tichu an und legte ein Straße von der zwei bis zum As. Weder Bertl noch ich hatten auch nur eine Minibombe dagegen zu setzen und so räumte er ab. Dann spielte er den Drachen. Bertl und ich verdrehten die Augen und wollte gerade ‚Oma’ rufen, als sich der Drache bewegte.“
„Nein...“, hauchte ich und eine Gänsehaut flitze mir die Wirbelsäule einmal rauf und runter als sei jemand über mein Grab gelaufen.
„Doch. Wir haben es gesehen.. der Drache wendete den Kopf und fauchte leise. Dann drehte er den Kopf zurück und war wieder starr und stumm. Und ich kann schwören, er hat Manfred angesehen und angefaucht. Bertl stammelte, ob wir das gerade gesehen hätten und ich nickte nur betroffen, doch Manfred war leichenblaß geworden und seine Hände zitterten, als er den Stich abräumte. Nur Zobel war reglos wie immer und sagte keinen Mucks. Sein ausdrucksloses Gesicht war auf den Tisch gerichtet, als warte er einfach nur darauf, dass jemand die nächste Karte ausspiele.“
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« Letzte Änderung: 13.07.2002, 17:47:06 von bAbC » Gespeichert

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« Antworten #8 am: 13.07.2002, 17:49:07 »

Fortsetzung "Der siebte Bürger"

Hier machte BretzelBub eine Pause und ließ seinen Blick über uvos und mein Gesicht schweifen. Selbst uvo, der die Geschichte schon kannte, war von Neuem gebannt und hockte mit angezogenen Beinen auf seinem Stuhl, als BretzelBub fortfuhr.  „Tja, auch dieses Spiel haben Bertl und ich verloren, aber es war das letzte Mal, dass wir gegen Manfred verloren haben.“
„Wie? Anschließend nur noch gewonnen?“
„Nein.. nach diesem Spiel haben wir Manfred nie mehr gesehen.“
„Was? Ist er ausgebürgert? In eine andere Stadt gegangen?“
„Nein.. niemand hat ihn je wiedergesehen. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Nach dem gewonnenen Spiel stand er auf und ging wortlos hinaus. Wir haben, nachem er ein paar Tage nicht mehr gesehen worden war, in den Chroniken nachgeschaut und festgestellt, dass er nicht mehr gespielt hat und auch sonst nirgendwo gesehen worden ist. Und noch etwas haben wir festgestellt. Zobel, sein ominöser Spielpartner, war ein paar Tage, ehe Manfreds Glückssträhne begann, ‚geboren’ worden. Und er hatte nie etwas anderes gespielt als Tichu, und auch mit niemand anderem als mit Manfred. Und er war zur gleichen Stunde verschollen wie Manfred.“

„Geschummelt. Klarer Fall“, schloß ich und BretzelBub und uvo nickten mit ernsten Mienen.
„Genau. Wir waren ganz schön leichtgläubig, dass wir das nicht vorher gemerkt haben, aber...“, ließ er seinen Satz ausklingen.
„Ja, ich verstehe. Schummeln an sich ist schon schlimm, aber Freunde beschummeln, ist eine Todsünde.“
Bei dem Wort Todsünde rutschte uvo unruhig auf seinem Stuhl hin und her und BretzelBub sagte: „Das ist nicht das Urteil, dass wir über ihn gefällt haben. Und er ist auch nicht tot. Er lebt noch. Irgendwie..“
Diesmal trampelte eine ganze Elefantenherde über mein künftiges Grab und ich krächzte: „Irgendwie? Was soll das heißen?“
Wieder einmal, wie schon so oft während BretzelBubs Geschichte fiel mein Blick auf Manfreds Bild an der Wand und glaubte, eine Sekunde ehe mein Blick das Bild richtig fokussiert hatte, zu erkennen, dass es sich bewegt hatte.

„Er ist immer noch in Gareth. Manchmal sieht man ihn, aber nur selten. Und nur, wenn man weiß, dass es ihn gibt.“
„Habt ihr schon versucht, mit ihm zu reden?“
„Ich habe es einmal versucht“, warf uvo ein. „Aber er hat nicht geantwortet.“
„Wo hast du ihn denn getroffen, uvo?“ sagte ich und runzelte die Stirn.
Uvo warf BretzelBub einen Blick zu und der nickte zustimmend, dann fuhr er fort.
„Er ist an vielen Orten.“
„Nun mach´s nicht so spannend, ich hab gleich keine Nägel mehr! Ist er.. ist er in der Halle der Seelenlichter?“
Uvo stutzte. „Nein, da habe ich ihn noch nie gesehen. Ach, was soll´s. Entweder du glaubst es oder du läßt es bleiben. Er ist in den Spielen!“
Ich denke, ich muß ziemlich dämlich aus der Wäsche geschaut haben, aber die beiden lachten nicht.
„Manchmal ist er in Carcassonne. Wenn das siebte Plättchen ein Kloster ist, dann kann man Manfred aus dem Fenster des Klosters winken sehen.“
„Ja, manchmal ist er auch in Lost Cities. Die grüne Sieben, da steht er hinter einem Baum im Urwald.“
„Und manchmal, aber nur manchmal, da steckt er im Hund. Wenn du den Hund ausspielst und dein Partner sagt Tichu, dann verändern sich die Augen vom Hund. Aber nur ganz kurz, es ist kaum zu bemerken.“

„Sein Name verschwand aus den Chroniken ebenso wie aus allen schriftlichen Unterlagen. Manfred gibt es nur noch in unserer Erinnerung. Der Drache war erbarmungslos und hat ihn für sein Schummeln härter bestraft als es ein Mensch verdient hat. Aber wie gesagt, es war nicht unser Urteil. Menschen vergeben, aber die Spiele haben ihre eigenen Regeln“, erklärte uvo.
„Ja“, gab ihm BretzelBub recht, „und ich glaube, wenn du bei einem Spiel betrügst, dann entehrst du das Spiel und es rächt sich.“
„Eine schreckliche Rache“, gab ich zu bedenken. „Ob er jemals erlöst werden kann?“
„Ja, es gibt einen Weg“, nickte BretzelBub und sah mich ernst an. „Du mußt beim Tichu 100 mal gegen mich verlieren, dann ist Manfred befreit.“
Mit der gleichen ernsten Miene gab ich zurück: „Armer Manfred, dann wirst du wohl für immer verflucht bleiben.“
Wir kicherten vor uns hin, und der Bann wäre fast gebrochen worden, wenn nicht immer noch das Bild von Manfred ernst auf uns herabgeschaut hätte. Ich glaube, er fand das gar nicht komisch.

*Ende*

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« Antworten #9 am: 26.09.2002, 23:43:06 »

Die Bettlerin

(Eine Fortsetzungsgeschichte)

Als ich sie zum ersten Mal sah, fiel mir zunächst auf, wie ärmlich sie gekleidet war. Ihr Kleid war sauber, aber altmodisch und abgetragen. Wahrscheinlich stammte es aus der Altkleiderspende in Armfeld. Sie stand am Ufer des Sees und sah zu den Villen im Norden der Stadt hinüber, als ich aus der Schmiede trat.
Ich hatte wieder einmal erfolglos versucht, meiner Bürgerpflicht nachzukommen, und Werkzeuge herzustellen, doch der Pflug, den ich schmieden wollte, glich zum Schluss eher einem abstrakten Kunstwerk. Zum Glück wurde von mir nur der willige Versuch, nicht aber ein vorzeigbares Ergebnis erwartet. Um meinen Frust über die eigenen Unfähigkeit ein wenig abzubauen, beschloss ich einen Spaziergang um den See zu machen, der, von der Abendsonne in rosa-blauen Schimmer getaucht, mein Gemüt noch jedes Mal zu beruhigen verstanden hatte. Ein warmer, nach Wasser und Blumen duftender Wind wehte über den See herüber und ich überquerte die Brücke zu den Zelten, als ich bemerkte, dass ich nicht allein war.
Eigentlich wäre es mir lieber gewesen, niemandem zu begegnen, aber da war sie nun einmal und wandte mir noch den Rücken zu. Das gab mir Gelegenheit, sie einschätzend zu betrachten und zu dem Schluss zu kommen, dass es sich um eine Bettlerin handeln musste.

Ich mochte sie nicht erschrecken, darum räusperte ich mich kurz, ehe ich "Hallo" zu ihrem Rücken sagte, aber sie zuckte dennoch zusammen und drehte sich abrupt zu mir um, als hätte ich sie bei irgendetwas Verbotenem ertappt. Ich lächelte sie freundlich an, und wollte ohne weitere Worte an ihr vorbeigehen, als ein Blick aus ihren Augen meinen Schritt stoppte, als sei ich vor eine Mauer gelaufen. Veilchenblau, fast lilafarben waren diese Augen und über ein Gesicht, dass weniger schön als ungewöhnlich war, und von hellblonden langen Haaren eingerahmt wurde, huschte der Schatten eines schüchternen Lächelns. Sie trat einen Schritt zur Seite um mich vorbeizulassen und ihre Lippen formten einen lautlosen Gruß. Ich fühlte mich von diesen sanften und doch irritierenden Augen durchbohrt und konnte den Blick kaum abwenden, doch dann riss ich mich zusammen und ehe ich etwas Belangloses sagte, was den seltsamen Moment zerstört hätte, sagte ich lieber gar nichts, lächelte sie noch einmal an und setzte meinen Weg fort. Nach vielleicht 20 Schritten drehte ich mich um, doch das Ufer war leer, die Bettlerin verschwunden.

Ein paar Wochen später, es war früher Morgen und die meisten in Gareth träumten noch in ihren Häusern vor sich hin, war ich gerade im Begriff, die Halle der Seelenlichter zu betreten, als die schwere Holztür von innen aufgedrückt wurde, und vor mir wieder die Bettlerin stand.
Bisher hatte ich am Morgen die Halle immer ganz für mich allein gehabt und diesen Ritus liebgewonnen, so dass es mir einen kleinen verärgerten Stich versetzte, heute nicht der Erste zu sein, der mit den Steinen auf dem Altar spielte. Abermals jedoch verflog jede Anwandlung von Missmut, als ich in die lilafarbenen Augen der Bettlerin sah, die mich sanft und schüchtern zugleich anlächelten.
"Oh.. da ist ja noch jemand so früh wie ich aufgestanden, um Shizu zu besuchen", sagte ich zu ihr. Diesmal fiel es mir leichter, ein Gespräch zu beginnen, doch statt nachzufragen, wer oder was Shizu sei, wie ich es erwartet hatte, schüttelte sie nur leicht den Kopf, beugte sich dann vor und flüsterte "Shizu ist nicht da". Ich runzelte die Stirn und wollte fragen, woher sie Shizu kenne, doch da zerfiel sie schon zu Sternenstaub und hinterließ nichts als eine Brandmarke ihrer wundersamen Augen auf meiner Netzhaut.

(Fortsetzung folgt)
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« Antworten #10 am: 30.09.2002, 17:50:18 »

Die Bettlerin - Teil 2 -

Ich beschloss, meine Taktik zu ändern. Statt ihr nachzulaufen und nachzuforschen würde ich die Tatsache ignorieren, dass es sie überhaupt gab. Wann immer ich an sie denken musste, verdrängte ich energisch alle Gedanken an die Bettlerin und befasste mich sprunghaft mit etwas Anderem. Und ich suchte die Einsamkeit. Ich saß stundenlang am See und sah hinaus auf die Wasseroberfläche mit den bunten Tupfen aus Enten und Schwänen und streunte durch die Wälder der Nachbarstädte. So schön Gareth auch ist, besonders viele Bäume gibt es bei uns nicht, und wenn mir der Sinn nach Tannen und hohen Fichten steht, besuche ich Mysteria und mache kleine Spaziergänge durch den herrlich nach Holz und Harz duftenden Wald. Oder ich besuchte die leerstehenden Häuser der Freunde und plauderte mit den Puppets, die mich freundlich aber dumm anglotzten und keines meiner Worte verstanden, mir aber auch niemals widersprachen, wenn ich ihnen vom Puppethimmel erzählte, wo Puppets die gleichen Rechte hatten wie die Besitzer.

Eines Tages lungerte ich bei berni daheim herum, hatte mich vor den Kamin in einen Ohrensessel gekuschelt und erzählte Kürbi und Meloni die Geschichte vom Puppet, das lebendig wurde, als es eines Tages versehentlich einen eigenständigen Gedanken fasste. Plötzlich erhellte sich der Raum und ein kleines strahlendes Nebelwölkchen erschien und verdichtete sich zu einer Gestalt. Zunächst dachte ich, dass berni heimgekommen sei, doch die beiden Puppets blieben reglos sitzen und machten keine Anstalten, ihr Herrchen zu begrüßen. Ich verharrte ebenfalls in meinem Sessel und beobachtete die Materialisierung unaufgeregt, bis eine bekannte Erscheinung mit blonden Haaren und angetan mit einem schäbigen Kleidchen sichtbar wurde. Das war sie, die geheimnisvolle Bettlerin. Was würde sie tun, wenn sie mich erblickte? Freundlich lächeln und zu schimmerndem Staub zerfallen? Mir blieb nichts übrig als abzuwarten und ihr zu zeigen, dass sie vor mir nichts zu befürchten hatte.

Nachdem auch das letzte bisschen Nebelhaftigkeit verschwunden war, stand sie mit dem Gesicht zur Tür im Raum und sah sich um, bis sie mich in meinem Sessel entdeckte. Wieder traf mich ein Blick aus Lapislazuli-Augen und ihre Mundwinkel hoben sich kaum merklich zu einem Lächeln. Ich schwieg und sah sie abwartend, aber mit einem, wie ich hoffte, freundlich gesinnten Gesichtsausdruck an. Die Macht des Schweigens funktionierte. Die Bettlerin machte den ersten Schritt und hauchte ein kaum hörbares "Hallo" zu mir herüber. Ich nickte und lächelte, schwieg aber weiter. Ihre Augen huschten durch das Zimmer, fanden aber nicht, wonach sie suchten und landeten schließlich wieder bei mir. Ich tat teilnahmslos und streichelte Kürbis Köpfchen, während ich ansonsten ruhig da saß. Ein letzter verlegener Blick durchs Zimmer, dann machte sie eine kurze Handbewegung und ich dachte schon, dass sie sich verabschieden wollte, doch sie hielt inne und wandte sich mit ihrer leisen, kaum hörbaren Stimme an mich: "Hast du vielleicht zufällig einen Bettler mit dem Namen Gris gesehen?"
Ha, ich wusste doch, dass sie auf der Suche war. Warum sonst sollte sie so planlos durch die Welt streifen und warum sonst hatte ich sie immer nur außerhalb der Spiele, aber nie beim Spielen selbst gesehen.

"Es tut mir leid, ich kenne keine Gris", antwortete ich und versuchte, sie nicht allzu neugierig anzuschauen. Ihre blauen Augen verdunkelten sich etwas und sie sah auf einmal sehr traurig aus. So traurig, dass ich, ohne sie zu kennen, am liebsten zu ihr hinübergegangen wäre um sie in den Arm zu nehmen. "Es tut mir leid", wiederholte ich, um ihr zu zeigen, dass es mir wirklich leid tat und dass das nicht nur eine Floskel war. Sie musste an meinem Tonfall gehört haben, dass ich die Wahrheit sprach, denn sie blieb bei mir und setzte sich mit einem Seufzer auf die unterste Stufe der Treppe. 2Ich suche ihn überall und ich kann ihn nicht finden", verriet sie mir nun.
"Vielleicht kann ich dir beim Suchen helfen?", bot ich an, ohne zu wissen, wie ich das bewerkstelligen sollte.
Angst blitzte in ihren Augen auf und sie wehrte meine Bitte mit einem unvermutet heftigen Kopfschütteln ab.
"Nein, bitte! Du darfst niemandem verraten, dass ich ihn suche! Niemand darf es wissen! Es bricht sonst großes Unglück über uns herein."
Ich behielt für mich, dass sie meiner Ansicht nach schon jetzt nicht besonders glücklich wirkte und dass es kaum schlimmer kommen könnte, als wochen-, wenn nicht sogar monatelang nach Jemandem zu suchen und ihn nicht zu finden. Womöglich eine unglückliche Liebesgeschichte, ging es mir durch den Kopf.

(Fortsetzung folgt)
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« Antworten #11 am: 30.09.2002, 20:46:53 »

Die Bettlerin - Teil 3 -

"Keine Angst, wenn du nicht willst, werde ich keinen Ton verraten", versprach ich ihr, "aber gestatte mir eine Frage.."
Ich sah ihr deutlich an, dass sie keine Lust hatte, irgendwelche Fragen zu beantworten, aber ich suchte schon so lange nach der Lösung meines Shizu-Rätsels, dass ich keine Rücksicht nehmen wollte.
"Woher weißt du von Shizu?", versuchte ich es möglichst direkt zu formulieren.
"Das ist einfach. Ich habe ihn auch schon ein paar Mal getroffen."
"Hier in Gareth? In der Halle der Seelenlichter?"
"Mal hier, mal dort.. er ist auch manchmal in Babylon, in Larimar oder auf dem Hügel der Gehenkten."
"Ich verstehe.. er ist ein Spielegeist, der nur in bestimmten Spielen spukt. Ist er harmlos? Mir hat er einmal ganz schön Angst gemacht", plapperte ich in meiner gewohnten Art auf sie ein, als seien wir ganz normale Leute, die sich zufällig über den Weg liefen. Ich hatte vergessen, wie scheu und flüchtig sie war.
Sie runzelte die Stirn und ich dachte schon, ich hätte sie verschreckt, doch sie antwortete mir in einem fast schon lachhaft ernsten Tonfall:
"Du darfst Shizu niemals unterschätzen. Er ist nicht wirklich böse, aber es gibt Leute, die aus den Hallen und Kapellen nicht zurückgekehrt sind."
Ich schluckte trocken. Wenn das nicht "böse" war, was dann?

"Vielleicht ist das ja auch Gris zugestoßen?" wagte ich mich nun weiter vor.
Bei der Erwähnung seines Namens ging ein schmerzhaft seliges Strahlen über ihr Gesicht und sie lächelte.
"Niemals. Gris ist schlau, und er kennt die Tücken der Welt sehr genau. Er weiß um alle Geheimnisse und würde nie einen so dummen Fehler machen und gegen Shizu antreten."
Ich stutzte. Das klang nach einem Herzog oder nach einem Prinzen, aber nicht nach einem Bettler. Entweder konnte sie meine Gedanken lesen, oder sie wusste eine hochgezogene Augenbraue und einen schiefen Mundwinkel bestens zu interpretieren.
"Gris ist kein richtiger Bettler. Er kleidet sich nur so. Genau wie ich", verriet sie mir, und ich wusste, dass nur der Stolz auf ihren Gris, dessen Makellosigkeit ich durch meine Skepsis angekratzt hatte, ihr dieses neue Geheimnis entlockt haben konnte.
"Hm.. aus welcher Stadt kommt ihr denn?" Meine Fragen wurden nun schon etwas dreister, doch wie einstudiert sagte sie tonlos: "Aus ARMfeld."
"Ich ziehe die Frage zurück", gab ich lächelnd und schmalllippig zur Antwort, um ihr zu zeigen, dass ich es nicht mag, belogen zu werden.

An diesem Abend erfuhr ich die Geschichte noch nicht. Es sollte weitere drei Wochen dauern, bis wir einander wieder begegneten und ich hatte das Gefühl, dass sie nun nach mir Ausschau hielt, nicht umgekehrt. Wahrscheinlich suchte sie einfach einen Menschen, der ihr helfen und dem sie vertrauen konnte, und ich weiß nicht, warum sie mich auswählte, aber ich beschloß, mich ihres Vertrauens als würdig zu erweisen.

Wieder einmal war es spät geworden und ich spielte mein geliebtes Mahjongg, als ich hinter mir die Pforte zur Halle knarren hörte. Ich drehte mich um und sah die Bettlerin im Gang stehen. Sie bewegte sich nicht, und so ging ich einfach auf die erste Bankreihe zu und setzte mich mit dem Gesicht zum Altar. Kurz darauf nahm auch sie in der gegenüberliegenden Reihe Platz und als ich ihr mein Gesicht zuwandte und sie anlächelte, räusperte sie sich und begann zu sprechen:
"Du hast mir vor einiger Zeit angeboten, mir bei der Suche nach Gris zu helfen". Leise sprach sie, zögernd. Ich schaute ihr in die Taubenaugen und nickte.
Da erzählte sie mir ihre Geschichte, die mich stellenweise an Shakespeare´s Romeo und Julia erinnerte, und mir oftmals mehr Zartfühlungsvermögen abrang als ich aufzubringen vermochte.
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« Antworten #12 am: 01.10.2002, 22:16:58 »

Die Bettlerin - Teil 4 -

Gris und sie waren Bürger zweier unterschiedlicher Städte, nennen wir sie A. und O. Was an sich nichts Besonderes ist, wenn A. und O. nicht bis aufs Blut verfeindet gewesen wären. Niemand wusste mehr, wo und wann diese Feindschaft ihren Anfang genommen hatte und was der Anlass für diese Fehde gewesen war. Als Bürger der anderen Städte hatte man oft den Eindruck, dass die Fehde im Laufe der Zeit Selbstzweck geworden war. Der "Krieg" zwischen A. und O. war nichts Greifbares. Er schien die meiste Zeit unter der Obefläche zu schwelen und flammte nur gelegentlich in den Stadtzeitungen auf oder wurde spürbar, wenn man sich mit A´lern und O´lern im gleichen Raum befand. Die Bürger der anderen Städte versuchten, sich so weit wie möglich aus diesem Zwist herauszuhalten, zumal sie auch vor den eigenen Türen Dreck kehren mußten. "Streit gibt es überall mal", war die Devise, "und solange wir uns nicht streiten, brauchen wir uns da nicht auch noch einzumischen".
Was wir aber nicht wussten, und hier zweifelte ich auch zum ersten Mal an den Worten der Bettlerin, war das unausgesprochene Verbot der Stadtoberhäupter an die Einwohner, privaten Umgang mit den Bürgern der anderen Städte zu haben.

"Wie bitte? Die (wer war überhaupt "die"?) haben euch verboten, miteinander zu spielen?"
Keine Spiele, keine Gespräche. Wer dagegen verstieß, tat gut daran, dies heimlich unter falschem Namen zu tun, andernfalls gab es empfindliche Strafen.
"Was denn für Strafen?" fragte ich entgeistert.
Es war wohl so, dass man, wenn man ertappt wurde, gesellschaftlich geschnitten wurde. Deine Mitbürger verließen den Raum, wenn du eintratst, sie spielten nicht mit dir, sie redeten nicht mit dir, du warst Luft für sie.
"Alle? Haben das denn alle mitgemacht?" Ich konnte es nicht glauben.
Was blieb ihnen anderes übrig? Wenn sie das Spiel nicht mitspielten, drohte ihnen schnell das gleiche Schicksal.
Ich hatte keine Lust, den Moralapostel zu spielen und meine Entrüstung zum Thema unseres Gesprächs zu machen, deshalb beschloss ich, sie weitererzählen zu lassen.

Das "Verbot" beider Städte war nicht stark und bedrohlich genug, um zu verhindern, dass Gris und die Bettlerin sich eines Tages über den Weg liefen und bereits nach kurzer Zeit eine Freundschaft schlossen, aus der bald mehr als dies wurde. Um den Strafen zu entgehen, trafen sie sich nur in Armfeld (das in seiner Größe den idealen Schauplatz für anonyme Treffen bietet) und verkleideten sich als hilflose Bettler, denen niemand besondere Beachtung schenkt. Bettler waren in der Welt Angehörige einer, wenn auch nicht geächteten, so doch eher unspektakulären Kaste. Man war freundlich zu ihnen (oder auch nicht), wenn sie um Hilfe baten; ging aber nicht aktiv auf sie zu, um Hilfe anzubieten oder sie unaufgefordert anzusprechen. Ihre zahlreichen Rendezvous blieben unbemerkt und sie suchten nach einer Lösung für eine gemeinsame Zukunft. Vielleicht sollte man ausbürgern und gemeinsam in eine andere Stadt ziehen? Doch wen würde man alles damit vor den Kopf stoßen, welche Freunde würde man zurücklassen, die man nie wieder treffen könnte, es sei denn heimlich und stets mit der Gefahr der Entdeckung vor Augen? Das Problem erneut zu besprechen (und natürlich dabei Händchen zu halten), war Ziel des nächsten Treffens im Schatten der Burg von Armfeld. Doch Gris kam nicht.

(Fortsetzung folgt)
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« Antworten #13 am: 04.10.2002, 02:48:58 »

Die Bettlerin - Teil 5 -

Die Bettlerin war verzweifelt. Das Schicksal ihres Freundes war ungewiß, denn sie konnte niemanden fragen, was sein Kommen verhindert hatte. So erschien sie am nächsten Abend zur gleichen Zeit an der gleichen Stelle, in der Hoffnung, sie habe sich im Datum vertan. Doch Gris kam wieder nicht.
An dieser Stelle ihrer Erzählung war sie kurz davor in Tränen auszubrechen, und ich war ihr sehr dankbar, dass sie es schaffte, sich zurückzunehmen, andernfalls wir beide zusammen die Halle der Seelenlichter geflutet hätten.
In ihrer großen Not wandte sie sich sogar an einen Freund aus alten Tagen, den Großherzog M., der wie sie Bürger von A. war, und gestand ihm ihre Affaire mit Gris, darauf vertrauend, dass er seine Freundschaft zu ihr über die städtischen Konventionen stellte. Er war nicht begeistert über ihre Beichte, versprach aber, seine Beziehungen zu anderen Städten spielen zu lassen und über viele Winkel, Ecken, Umwege und getarnte Anfragen kam schließlich die Botschaft zustande, dass Gris am Abend seiner letzten Verabredung mit der Bettlerin spurlos vom Angesicht der Welt verschwunden war. Es war der Abend vor dem Bau der großen Burg von O. Man hatte Gris wie allen Bürgern verschiedene Aufgaben für die Feier aufgebürdet, und war sehr verärgert, als er zur Abschlußbesprechung des Festkomitees nicht erschien. Der Ärger wich jedoch bald der Sorge, als er auch am nächsten Tag der Feier fernblieb und Freunde von Gris sein Haus unbewohnt vorfanden. Die Puppets in der Küche klagten über mangelnde Arbeit und Gris´ Tamagochi-Puppet war unterernährt und knurrte die Besucher an, eindeutig ein Zeichen von Vernachlässigung und zuwenig Streicheleinheiten.

Wohin er verschwunden war und warum, darüber konnte nicht einmal spekuliert werden, denn es gab weder einen Abschiedsbrief, noch erinnerte sich irgendjemand an ein hinweisgebendes Verhalten, ehe er zuletzt gesehen worden war. Ein paar Tage vor seinem Verschwinden war er noch in die Tichu-Liga eingetreten und hatte zusätzliche Sträucher in seinem Garten angesetzt.
Man hatte schon öfter erlebt, dass Bürger sich aus der Welt zurückzogen und in eine Sphäre eintraten, die man gemeinhin als "Realität" bezeichnete. Die "Realität" war eine schwer ergründbare Zone. Jederman war in ihr geboren worden, sie war der Ursprung aller Existenzen, doch die Erinnerung an sie verblasste, je länger man sich in der Welt aufhielt. Manchmal jedoch (und man vermutete, es handle sich hier um einen genetischen Defekt), verspürte ein Bürger der Welt eine so unstillbare Sehnsucht nach der Realität, dass er sich entwurzelte, sein gesamtes Hab und Gut, seine Freunde, seine Mitbürger und seine Stadt zurückließ und in die Ursprungswelt zurückkehrte. Postkarten wurden keine geschickt. Entweder es gab keine in der "Realität" oder der Sog war zu groß, dass jeder Gedanke an die Welt wie von einem schwarzen Loch verschluckt wurde.

Seit Gris´ Verschwinden streifte die Bettlerin durch die Welt, besuchte alle Spiele und alle Räume, durchquerte die großen wie die kleinen Städte, und hoffte, wenn schon nicht auf Gris selbst, so doch auf irgendeinen Hinweis über seinen Verbleib zu stoßen. Seine Freunde taten das gleiche in minderem Umfang und über den Großherzog M. erfuhr sie von der Vergeblichkeit aller Bemühungen. Doch sie hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, und wenngleich ihre eigenen Freunde sich wunderten, dass sie nur noch selten beim Spiel anzutreffen war und ihre Karriere auf dem Weg zur Fürstin schon seit langem stagnierte, so schrieb man dies einfach einer unglücklichen Liebesgeschichte zu, die so selten in der Welt nicht war und die erfahrungsgemäß immer mit Melancholie und Menschenscheu einherging. Wie unglücklich diese Liebe in Wirklichkeit war, ahnte niemand.

Am Schluss ihrer Erzählung angelangt, senkte sich Stille über die Halle der Seelenlichter und ich brach das Schweigen, in dem ich sagte, was ich später noch bereuen sollte: "Ich helfe dir."
Ich wusste weder, wo ich beginnen, noch wie meine Hilfe aussehen konnte, und kaum ausgesprochen, biss ich mir innerlich auf die Zunge. Mein schönes bequemes Leben, aufgegeben für ein paar traurige Blicke aus Veilchenaugen, die, unerhört, nicht einmal einem MANN gehörten. Zugleich aber packte mich Abenteuerlust, und ein leichtes Kribbeln in der Magengrube wie beim Ansagen eines wackeligen "Tichu" machte sich breit.
Wir verabschiedeten uns voneinander und die Bettlerin zerfiel wie gewohnt zu funkelndem Sternenregen, während ich noch ein Weilchen auf der harten Kirchenbank saß, bis ich mich daran erinnerte, dass mich ein wesentlich weicheres Bett erwartete, in dem es sich nicht minder trefflich grübeln ließ.

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« Antworten #14 am: 07.10.2002, 18:39:46 »

Die Bettlerin - Teil 6 -

Einen Tag Zeit gab ich mir noch, um die Engel auf meiner linken und die Teufel auf meiner rechten Schulter den Kampf ausfechten zu lassen, ob ich nun diesen Kreuzzug antreten sollte, dann stand ich eines Morgens auf, packte einen kleinen Rucksack, zog meine bequemsten Schuhe an trat vor die Haustür und marschierte das Gäßchen zum See hinab. Da war er, der Schandfleck von Gareth. Mitten in meinem See stand das Ding. Ich konnte es immer noch nicht fassen. Wie fern die Zeiten, als ich am Pier bei der Kapelle sitzen und über die weite blaue Wasserfläche bis zum anderen Ufer sehen konnte. Aus meinem großen, lebendigen See war eine lächerliche kleine Pfütze geworden, die ich nicht einmal mehr "Teich" nennen mochte. Zierrat für einen häßlichen Klotz aus Pseudofachwerk und Möchtegerngotik. Ich sah mich um, ob jemand in der Nähe war, hob einen Stein auf und warf ihn mit allem Schwung, den meine Empörung aufbringen konnte, hinüber zum Rathaus. Er schaffte es nicht, eines der süßlichen Butzenscheibchen zum Klirren zu bringen, sondern plumpste weit vor dem Ziel ins Wasser. "Üben, üben, üben", murmelte ich vor mich hin und machte mich auf den Weg zu Gris´ Heimatstadt, der mächtigen Metropole O.

Ich wanderte zu Fuß, wenn mir eine Stadt oder Landschaft gefiel, aber manchmal nahm ich auch den Sternenstaub-Highway, wenn ich durch nackte, unbesiedelte Ortschaften kam. Ich wusste nicht genau, wo O. lag, und in der Welt giebt es keine Straßenschilder, die einem die Richtung weisen. So vertraute ich auf die Bürger, die mir auf meiner Wanderung begegneten und die ich nach dem Weg fragen konnte. Schließlich landete ich nach ein paar Stunden Fußweg und einigen Teleportationen in O. Sicher hätte ich auch gleich zu Beginn die Reise durch ein "/room O." abgekürzen können, aber das hätte mir die Freude an meiner geheimen Mission verdorben. Die "Sonne- und blauer Himmel-Aktion" (von Nacht und Nebel konnte nicht die Rede sein) bot mir willkommene Abwechslung und so stand ich leicht erschöpft aber dennoch zufrieden vor der Einwohnertafel in O. und studierte den Stadtplan.
Die Villa von Gris lag an einer dicht besiedelten Allee, sozusagen eine Reihenmittelvilla. Die Villen links und rechts daneben waren schmuck und gepflegt, doch das Heim von Gris wies eindeutig Spuren von Verwahrlosung auf. Die Blumen und Sträucher im Garten waren ungegossen, zwischen den Stufen zur Eingangstür wucherte Unkraut und die blinden Fenster schauten traurig zur Straße. Während ich noch außerhalb vor dem Gartentor stand und versuchte, mir einen Eindruck zu verschaffen, trat aus der Villa zur Rechten ein Mann und sprach mich an.

"Hallihallohallöle!"
Mich schauderte. Das breite Grinsen in seinem Gesicht erreichte, wie es so schön heißt,  seine Augen nicht und er konnte nur schwer seine Skepsis hinter der aufgesetzten Freundlichkeit verbergen.
Ich grüßte freundlich mit einem "Hallo" zurück und wandte mich wieder dem Haus von Gris zu. Nun fühlte er sich doch bemüßigt, mich zu fragen, ob er mir helfen könne. Sein Bestreben, seine Neugier zu befriedigen, kam mir entgegen, denn so konnte ich versuchen, meinerseits Informationen zu erhalten.
Ich erzählte ihm, ich käme aus Gareth und spiele mit dem Gedanken, dort auszuziehen und Bürgerin von O. zu werden. Immerhin hatte er schon einmal von Gareth gehört und fragte sehr direkt, was mich denn von dort forttreiben würde.
"Ach, die Leute sind schon ok, das ist es nicht. Aber sie haben jetzt kürzlich ein Rathaus gebaut, genau vor meiner Nase. So ein richtig hässlicher Klotz, der noch dazu in MEINEM See steht. Das hat mich so geärgert, dass ich nun beschlossen habe, mir eine Stadt zu suchen, in der "Landschaftsästhetik" nicht kleingeschrieben werden. O. scheint mir eine Stadt zu sein, in der Ordnung und Disziplin noch ihren Stellenwert haben."
Mir wurde schlecht, wenn ich daran dachte, was die Ordnung und Disziplin von O. bereits angerichtet hatte, aber die Lüge kam mir flüssig von den Lippen. Und ich traf wohl den richtigen Nerv, denn der neugierige Nachbar strahlte ob des Lobes für seine Stadt.
"Wir nehmen gerne neue Bürger auf, vor allem wenn es sich um Adliger oder hohe Geistliche handelt, die nicht unvermögend sind."
Mit einem abschätzigen Blick betrachtete er meine Wanderkluft, aber ich dachte nicht daran, seine unausgesprochene Frage nach meinem Rang zu beantworten.

(Fortsetzung folgt)

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